Der Ursprung des
Fahnenschwenkens lässt sich bis in die früheste Geschichte der
Menschheit zurückverfolgen.
Vor vier- bis fünftausend Jahren begannen die Chinesen damit, große
farbige Seidentücher seitlich an Stangen zu befestigen und sie bei
kriegerischen Unternehmungen oder religiösen Prozessionen mit sich zu
führen. Mit der Seide kamen die Fahnen nach Arabien, wo sie - auf
Herrscher und Führer bezogen - in individueller Farbgebung getragen
wurden.
Auch bei den germanischen Völkern, insbesondere bei den Langobarden, war
es Sitte, die eigenen Kampfscharen mit einem Kennzeichen zu versehen.
Anfangs bestand dieses lediglich aus einem Tuch- oder Fellstreifen, das
"Banda" genannt wurde. Später entstand dann daraus die uns geläufige
Bezeichnung "Fahne".
Die Bedeutung der Fahne war zunächst rein symbolischer Natur. So stellte
sie zum einen ein Mittel dar gegen den bösen Einfluss der gegnerischen
Streitkräfte mit dem Ziel, die Kampfesmoral der eigenen Truppe zu
stärken.
Zum anderen erfüllte die Fahne eine weitere Funktion im
rituellen-religiösen Bereich.
Durch die ständigen Völkerwanderungen sahen sich die Stämme sehr bald
gezwungen, ihre Götterstatuen, deren Mitnahme sehr umständlich war,
durch leichter zu handhabende Gegenstände zu ersetzen. Als Zeichen der
Gottheit wurden daher immer mehr "Tücher" bzw. "Fahnen" verwendet.
Die Fahne als Symbol magischer, übernatürlicher Mächte ist bis in unsere
heutige Zeit nahezu unverändert erhalten geblieben.
Die Herkunft des Fahnenschwenkens lässt sich bis ins 6. Jahrhundert
n.Chr. zurückverfolgen. Römische Fahnen- und Bannerträger ("Banderei")
pflegten dem päpstlichen Umzug voranzugehen, indem sie ihre Fahnen und
Banner zum Zeichen des Jubels und der Freude schwenkten.
Eine Blüte erfuhr das Fahnenschwenken dann im Mittelalter, wo es bei
religiösen, zivilen und militärischen Feierlichkeiten überall angewandt
wurde.So wurden
etwa im 15. Jahrhundert überall in Europa Fahnenschwenkerschulen
gegründet, die genaue Regeln und Vorschriften hinsichtlich des
Fahnenspiels erarbeiteten.
Vor allem die schweizerische und deutsche Nationalschule genoss im 17.
und 18. Jahrhundert, hier vor allem in militärischen Kreisen, großen
Ruhm.
Ende des 19. Jahrhunderts verliert das militärische Fahnenspiel jedoch
immer mehr an Bedeutung, so dass es schließlich nur noch in einigen
Städten Europas, vor allem in der Schweiz und Italien, gepflegt wurde.
Heute erlebt das Fahnenschwenken wiederum eine neue Blüte in
verschiedenen europäischen Ländern, indem man versucht, durch Verbindung
von Antikem und Modernem, neue, ausdrucksvolle Fahnenspiele zu
schaffen.
Der Fähnrich, als Träger
der Fahne, genoss von Anfang an hohes Ansehen innerhalb der Truppe. War
er doch, obwohl nicht oberster Kommandeur, der eigentliche Anführer
seiner Truppe und somit Vorbild.
So wundert nicht, dass an
die Persönlichkeit des Fähnrichs selbst hohe Ansprüche gestellt wurden.
Darum soll er, wie es in einer 1565 veröffentlichten Schrift heißt:
"ein kecker /
mannlicher Gesell / der einen Verstand habe / Kriegserfahren und
geübt sey "
sein.
Der Fähnrich ist somit
Mittelpunkt und Zusammenhalt für seine Knechte, da er Führer und
Bewahrer des Zeichens ist, in dem allein sich ihre Einheit konstituiert.
Nach diesem Zeichen - der Fahne - führten die militärischen Einheiten
die Bezeichnung "Fähnlein", ehe sich im Laufe des 17. Jahrhunderts die
französische Bezeichnung "Compagnie" durchsetzte.
Der Verlust der Fahne bedeutete somit das Erlöschen jeglicher
Gemeinsamkeit und damit zugleich das Ende jeglicher militärischer
Aktion.
Die Verteidigung der Fahne ist daher oberste Aufgabe des Fähnrichs, da
sich in ihr das ideelle und ideale Sein der unter ihr versammelten
Kriegsknechte verkörpert. Um die gestellte Aufgabe zu bewältigen, muss
der Fähnrich nun aber im Kampf in der Lage sein, in der einen Hand die
Fahne deutlich sichtbar für alle zu führen und sie zugleich gegen den
Feind zu verteidigen.
Das Fahnenschwenken reiht sich in diesem Kontext somit in die anderen
Waffenspiele mit ein, da nur durch ständige Übung der Fähnrich die
notwendige Gewandtheit in der Handhabung von Waffe und Fahne erreichen
konnte. Kunstvolle Bewegungen lassen sich allerdings nicht mit jeder
Fahne durchführen.
Solche, die etwa an einem festen oder losen Querholz aufgehängt sind (so
genannte "Banner"), sind ebenso ungeeignet wie die, die an langen
Stangen oder Lanzen befestigt sind.
Fahnen, die geschwungen
werden, haben daher nur einen kurzen Griff und werden in der Regel
unmittelbar unterhalb des Fahnentuches gefasst. Nur so ist es überhaupt
möglich, eine Fahne zwischen Oberarm und Hand durchzudrehen.
Um das durch das Fahnentuch hervorgerufene Übergewicht einer
Schwingfahne zu beseitigen, wurde und wird das Stockende mit einer Blei
gefüllten Kugel versehen. Dadurch kommt es zu einer Verlagerung des
Schwerpunktes an die Stelle des Tuchansatzes, die es ermöglicht, die
Fahne optimal in der Hand zu führen.
Im Mittelalter wahr das
Fahnenschwenken bekannt unter der Bezeichnung "Fahnenschwingen",
"Fahnenschlagen" oder "Fahnenspiel". Es galt als hohes Privileg und
wurde nicht selten vom jeweiligen Landesherrn oder der Stadt aufgrund
besonderer Dienste verliehen.
So erhielten etwa die Augsburger Weber von Kaiser Otto I. als Belohnung
für ihre Tapferkeit bei der Schlacht auf dem Lechfeld das Recht, die
ihnen vom Kaiser verliehene Fahne bei festlichen Gelegenheiten zu
schwingen.
1412 verlieh die Stadt Konstanz eine Fahne an die Metzgerzunft.
Alten Berichten zufolge
schwenkte am 3. September des Jahres 1408 beim Schützenfest in Aldekerk,
zu dem auch der Herzog von Geldern eingeladen war, Heinrich Schumaekers
die Fahne. Dafür erhielt er vom Herzog eine silberne Tabakdose als
Geschenk.
Auch aus der Zeit der
Bauernkriege (um 1500) ist das Fahnenschwenken nicht wegzudenken, wie
verschiedene Kolorierungen alter Meister (wie Dürer und
Riemenschneider), auf denen Fahnenschwenker abgebildet sind, beweisen.
Ende des 18. Jahrhunderts begann sich auch in Deutschland die Blütezeit
des Fahnenschwenkens ihrem Ende zuzuneigen. Der Brauch des
Fahnenschwenkens wurde schließlich nur noch in einigen wenigen Teilen
Deutschlands mehr oder weniger intensiv gepflegt, so dass viele
Traditionen und Schulen in Vergessenheit gerieten und heute gar nicht
mehr oder nur noch mühsam rekonstruiert werden können.
Nach dem 2. Weltkrieg wurde auch in Deutschland das Fahnenschwenken
wieder entdeckt. Vor allem in den Bundesländern Bayern,
Baden-Württemberg, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und
Schleswig-Holstein besann man sich auf die alte Tradition.
1960 wurde die Rheinische Fahnenschwenker-Vereinigung e.V. gegründet.
Sie verschrieb sich der Förderung und Pflege der alten, vielfach als
Brauchtum bezeichneten Sportart des Fahnenschwenkens. Aus ihren Reihen
heraus wurden die ersten Stadt-, Bezirks-, Landes- und Deutschen
Meisterschaften im Fahnenschwenken durchgeführt.
1995 gründete sich der Landesverband der Fahnenschwinger in
Baden-Württemberg e.V.
1996 gründeten die beiden Landesverbände die Arbeitsgemeinschaft für das
wettkampfmäßige Fahnenschwingen in Deutschland.
1998 wurde der Deutsche Fahnenschwinger Verband e.V. gegründet.
Der Landesverband der
Fahnenschwinger in Baden-Württemberg e.V. umfasst rund fünfzig
fahnenschwingende Vereine und hat rund 500 aktive Mitglieder.
Die Fahnenschwinger um
den Großraum Stuttgart, der schwäbischen Alb und dem Schwarzwald sind
überwiegend in Volkstanz- und Brauchtumsvereinen gegliedert und
schwingen die schweren Fahnen der Deutschen Reihe.
Ganz anders dagegen bevorzugen die Fahnenschwinger der Fanfarenzüge
südlich der Donau und nördlich von Stuttgart die leichteren Wurffahnen,
wie sie schon von Albrecht Dürer gemalt und beschrieben worden sind.
Neu entdeckt wurden auch wieder die Großfahnen mit ihren 4 qm großen
Fahnenflächen.
Alle zwei Jahre messen sich die Fahnenschwenker im Wettstreit und
ermitteln ihre Landesmeister. Die Besten des Landes wiederum kämpfen im
Jahr darauf um die Deutschen Meisterehren.
Gekleidet in Landsknechtsuniformen oder heimatlichen Trachten, mit
Fahnen, deren Wappen von Gemeinde, Stadt, Zunft oder Adel verliehen
worden sind, betreiben die Fahnenschwenker nicht nur die Erhaltung eines
Brauchtums und die Pflege einer Sportart, sondern sie sind auch der
sichtbare Ausdruck der Verbundenheit zu Stadt und Land. |